Die historische Entwicklungdes AASR

-Alter u. Angenommener Schottischer Ritus-

Die historischen Wurzeln unseres Rituals

Der Alte und Angenommene Schottische Ritus, kurz AASR, gehört zu den weltweit verbreiteten freimaurerischen Ritus-Systemen. Seine institutionelle Geschichte wird gewöhnlich mit der Gründung des ersten Supreme Council im Jahr 1801 in Charleston verbunden. Die geistigen und ritualgeschichtlichen Wurzeln des Ritus reichen jedoch wesentlich weiter zurück.

Gerade bei den drei symbolischen Graden – Lehrling, Geselle und Meister – wird deutlich, dass der AASR auf einem bereits lange zuvor entstandenen Bestand freimaurerischer Vorstellungen, Bilder und Traditionen aufbaut. 1801 markiert deshalb einen wichtigen organisatorischen Punkt in der Geschichte des Ritus, nicht aber den Beginn der freimaurerischen Ideenwelt, aus der seine symbolischen Grade hervorgegangen sind. 

Die frühe englische Freimaurerei

Wichtige Spuren führen zunächst nach Großbritannien in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zu den bekanntesten historischen Quellen gehört Samuel Prichards „Masonry Dissected“ von 1730. Das Werk ist für die Geschichtsforschung bedeutsam, weil es einen frühen Einblick in die damals bereits bestehende symbolische Freimaurerei vermittelt. Unser Ritualinhalt entspricht in Sprache, Aufbau und Struktur, der bereits vor 1730 praktizierten Lehrart bzw. bekannten Ritualtexten. 
Eine weitere wichtige Quelle ist die 1760 erschienene Schrift „Three Distinct Knocks at the Door of the Most Ancient Free-Masonry“. Sie dokumentiert eine weiterentwickelte englisch-irische Freimaurertradition und zeigt, dass zahlreiche symbolische Vorstellungen, die später in verschiedenen europäischen Lehrarten wiederbegegnen, bereits Jahrzehnte vor der Entstehung des AASR verbreitet waren. 
Dabei geht es weniger um einzelne Formulierungen als um eine gemeinsame geistige Sprache. Dazu gehören Vorstellungen vom Menschen als einem an sich selbst arbeitenden Wesen, die Symbolik des Bauens, die Bedeutung von Licht und Erkenntnis sowie die Idee, persönliche Entwicklung in aufeinander aufbauenden Stufen darzustellen.

Viele dieser Gedanken gehören deshalb nicht ausschließlich zu einem bestimmten freimaurerischen System. Sie bilden vielmehr einen historischen Grundbestand, aus dem unterschiedliche Lehrarten ihre jeweils eigene Form entwickelt haben.

Von England auf den europäischen Kontinent

Im Laufe des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Freimaurerei auf dem europäischen Kontinent. Dabei wurden britische Traditionen nicht einfach unverändert übernommen. In Frankreich, Deutschland und anderen Ländern verbanden sie sich mit vorhandenen kulturellen, philosophischen und freimaurerischen Vorstellungen.

Besonders Frankreich entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum dieser Entwicklung. Hier entstanden zahlreiche freimaurerische Systeme und Gradfolgen. Ältere britische Formen wurden aufgenommen, verändert und mit kontinentalen Elementen verbunden.

Aus diesem Umfeld entwickelte sich schließlich auch die Tradition, die später als “Rite Écossais Ancien et Accepté – REAA”, im Deutschen “Alter und Angenommener Schottischer Ritus – AASR”, bezeichnet wurde.

Historisch handelt es sich dabei also nicht um eine vollständig neue Schöpfung des Jahres 1801. Der AASR steht vielmehr am Ende einer längeren Entwicklung, in der verschiedene freimaurerische Strömungen zusammengeführt und neu geordnet wurden.

Die frühen Rituale des Schottischen Ritus

Besonders aufschlussreich sind frühe französische Ritualhandschriften aus den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. In der Forschung wurden unter anderem Texte aus 1804 sowie aus der Zeit um 1810/1811 untersucht, die bereits deutliche Übereinstimmungen mit dem später verbreiteten Guide des Maçons Écossais zeigen. Die historischen Wurzeln unsere…

Diese Quellen machen deutlich, dass die frühen symbolischen Grade des späteren AASR verschiedene Traditionen miteinander verbanden. Ältere englisch-irische Vorstellungen wurden ebenso aufgenommen wie französische und andere kontinentale Formen.

Der frühe Schottische Ritus war daher bereits eine Synthese unterschiedlicher freimaurerischer Traditionen. Das erklärt zugleich, weshalb man innerhalb verschiedener freimaurerischer Lehrarten bis heute auf ähnliche Symbole und Grundgedanken stößt. Solche Gemeinsamkeiten müssen nicht bedeuten, dass ein System unmittelbar vom anderen übernommen hat. Häufig führen beide vielmehr auf ältere gemeinsame Quellen zurück.

Eine erstaunliche Kontinuität über fast drei Jahrhunderte

Besonders bemerkenswert ist, wie deutlich sich diese historischen Wurzeln bis in die Gegenwart verfolgen lassen.

Wer frühe freimaurerische Quellen des späten 17. und des 18. Jahrhunderts mit heutigen Ritualtraditionen vergleicht, begegnet nicht lediglich ähnlichen Symbolen oder allgemeinen philosophischen Vorstellungen. Bereits die ältesten überlieferten Dokumente zeigen Formen des katechetischen Lehrgesprächs und eine gedankliche Ordnung, die für die spätere Freimaurerei prägend wurden.

Mit Samuel Prichards Masonry Dissected von 1730 wird diese Kontinuität besonders deutlich. Zahlreiche Grundgedanken und strukturelle Elemente, die dort dokumentiert sind, lassen sich in unserem heutigen Ritual noch immer erkennen. Teilweise ist die Übereinstimmung so groß, dass nicht nur die zugrunde liegende Symbolik, sondern auch der Aufbau und die Abfolge bestimmter Lehrgedanken über nahezu drei Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben sind. Die historischen Wurzeln unsere…

Dabei darf man allerdings nicht erwarten, heute überall denselben Wortlaut des frühen 18. Jahrhunderts vorzufinden. Freimaurerische Texte wurden über Länder- und Sprachgrenzen hinweg weitergegeben, aus dem Englischen und Französischen übertragen, redaktionell bearbeitet und schließlich in die jeweils zeitgenössische deutsche Sprache gefasst. Auch die deutsche Sprache selbst hat sich während dieser Jahrhunderte erheblich verändert.

Deshalb wäre es historisch nicht korrekt, pauschal von einer wortwörtlich unveränderten Überlieferung zu sprechen.
In vielen einzelnen Passagen ist jedoch die sprachliche Nähe zu Quellen des frühen 18. Jahrhunderts jedoch erstaunlich groß; noch deutlicher ist die Kontinuität in Aufbau, Struktur und Gedankenführung.

Gerade darin liegt eine Besonderheit des freimaurerischen Rituals: Ein heutiger Freimaurer begegnet einer Formensprache, deren wesentliche Grundstrukturen nicht erst im 19. oder 20. Jahrhundert geschaffen wurden. Teile dieser Tradition sind bereits um 1730 eindeutig dokumentiert, während noch ältere Handschriften – etwa das Edinburgh Register House Manuscript von 1696 – erkennen lassen, dass bestimmte Grundformen schon zuvor bestanden. 

Der Alte und Angenommene Schottische Ritus bewahrt damit in seinen symbolischen Graden nicht lediglich Erinnerungen an die frühe Freimaurerei. Er steht in einer lebendigen Überlieferungslinie, in der Strukturen und Grundgedanken über mehrere Jahrhunderte hinweg weitergetragen, sprachlich angepasst und in unterschiedliche nationale Traditionen übertragen wurden.

Eine Tradition mit tiefen europäischen Wurzeln

Die Geschichte des AASR zeigt damit beispielhaft, wie sich Freimaurerei entwickelt hat. Sie entstand nicht durch einen einzelnen Gründungsakt im Jahr 1801 und auch nicht aus dem Werk eines einzelnen Autors.

Über Generationen wurden Gedanken, Symbole und Formen weitergegeben, verändert und neu miteinander verbunden. Englische und irische Traditionen begegneten französischen und deutschen Entwicklungen. Aus diesem Austausch entstanden unterschiedliche Lehrarten, die bis heute jeweils einen eigenen Charakter besitzen.

Wer sich mit dem Alten und Angenommenen Schottischen Ritus beschäftigt, begegnet deshalb zugleich einem Stück europäischer Geistes- und Freimaurergeschichte.

Hinter seiner heutigen Form steht eine Überlieferung, deren Spuren bis weit in das frühe 18. Jahrhundert zurückreichen. Manche dieser Spuren finden sich auch in anderen freimaurerischen Lehrarten. Gerade diese Gemeinsamkeiten machen sichtbar, dass die verschiedenen Systeme trotz ihrer Unterschiede aus einem gemeinsamen historischen und symbolischen Erfahrungsraum hervorgegangen sind.

Der AASR ist damit nicht nur ein eigenständiger Ritus. Er ist zugleich Teil einer über Jahrhunderte gewachsenen europäischen freimaurerischen Tradition.

Nach oben scrollen